Ich beobachte in letzter Zeit eine Menge Diskussionen über AI-Tools in der Softwareentwicklung. Und ehrlich gesagt: Die meisten gehen vollkommen an der Realität vorbei.
Da argumentieren erfahrene Engineers gegen AI, weil es um Clean Code geht. Um Architektur. Um menschliche Problemlösungsskills. Um handwerkliche Perfektion.
Alles noble Ideale. Aber mal ehrlich: In welchem Universum leben diese Leute?
Die wenigsten Großprojekte sind so, wie es die Anti-AI-Gatekeeper gerne hätten. Konzerne versinken in Technical Debt. 99% aller Softwareprojekte sind weit weg vom Optimalzustand. Legacy-Code, der unter Zeitdruck entstanden ist, soweit das Auge reicht.
Hier wird es interessant – und paradox.
Warum ist der Disconnect zwischen Idealzustand und Realität überhaupt Dauerzustand? Weil Entwicklungsteams nicht genug Zeit haben, ihre Arbeit richtig zu machen. Weil sie unter ständigem Lieferdruck stehen.
Aber AI könnte viele dieser Probleme lösen. Es beschleunigt einiges, wenn man es richtig einsetzt. Trotzdem gehen Engineers dagegen vor – aus Angst vor Qualitätsverlust.
Moment mal. Ist AI richtig eingesetzt wirklich auf schlechterem Niveau als das, was unter Zeitdruck eh entsteht?
Jede Diskussion um “AI kann das nicht” ist eine Meta-Diskussion, deren Argumentationsgrundlage aus einer Utopie herbeihaluziniert wird. Wir streiten über Perfektion in einer Welt voller Shortcuts und Quick-Fixes.
Engineers verteidigen einen Idealzustand, den sie selbst nie erreichen, gegen ein Tool, das ihnen helfen könnte, diesem Idealzustand näher zu kommen.
Das ist, als würde ein Marathonläufer ein Fahrrad ablehnen, weil er lieber “richtig” laufen möchte – während er gerade mit gebrochenem Bein humpelt.
Vielleicht geht es gar nicht um Code-Qualität. Vielleicht geht es um Identität und Kontrolle. Um die Angst, ersetzbar zu werden. Um das Gefühl, dass jahrelang aufgebaute Expertise plötzlich weniger wert sein könnte.
Das wäre menschlich. Verständlich. Aber “ich will das nicht” ist halt keine gute Grundlage für eine professionelle Diskussion.
Also verpacken wir es in rationale Argumente. Qualität. Standards. Handwerkskunst.
Was wäre, wenn wir ehrlich über den aktuellen Zustand unserer Codebases sprechen würden?